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Ein Plädoyer für Menschlichkeit, Verbundenheit, Kontakt und Austausch in einer zunehmend entfremdeten Gesellschaft und digitalisierten Welt. 


Was gerade passiert

Der Mensch ist ein soziales Wesen, das sich gerade systematisch von den Bedingungen entfremdet, unter denen es sich entwickelt hat. Langeweile, Scheitern, Reibung, Stille, zufällige Begegnung ? all das waren keine Unannehmlichkeiten der Vergangenheit, sondern der eigentliche Rohstoff psychischer und sozialer Reife. Dieser Rohstoff wird gerade wegoptimiert durch tausend kleine bequeme Entscheidungen täglich.

Die Folgen sind schon deutlich sichtbar und sie akkumulieren. Junge Menschen berichten in Rekordzahlen von Einsamkeit, Angststörungen und dem Gefühl, keine tiefen Freundschaften zu haben. Die Schule ist der Ort mit den höchsten Krankenständen. Therapeutische Wartelisten sind voll. Paarbeziehungen scheitern früher und häufiger. Die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten, nimmt klinisch messbar ab.


Beziehung ist nicht etwas, das wir zum Leben hinzufügen. Sie ist der Stoff, aus dem Leben gemacht ist.

Stell dir vor, du kommst als Baby auf die Welt, hilfloser als fast jedes andere Lebewesen. Du kannst nichts. Du kannst dich nicht ernähren, nicht wärmen, nicht schützen. Du bist vollständig darauf angewiesen, dass jemand auf dich reagiert, wenn du weinst. Dass jemand dein Gesicht ansieht. Dass jemand bleibt.

Das ist kein Zufall der Evolution. Das ist genau richtig so. Die Anthropologie spricht vom Menschen als Mängelwesen. Wir kommen nicht als fertige Wesen zur Welt, die dann irgendwann beschließen, Beziehungen einzugehen. Wir entstehen durch Beziehung. Unser Gehirn, unsere Psyche, unser Verhalten entwickelt sich buchstäblich in Abhängigkeit davon, wie jemand auf uns reagiert. Ob jemand da ist. Ob wir sicher sind. Ob wir wichtig sind, geliebt werden und wie sehr.


Der Mensch ist ein Potenzialwesen. Er kann werden, was er will. Ganz einfach, oder? Der Mensch hat in sich alles angelegt, um das zu entfalten, was er will, nur bedarf es dazu Beziehungen. Beziehungen aller Art, um das was in einem steckt komplett individuell zu entfalten. Und mit Beziehungen meine ich nicht nur Menschen, die einem etwas beibringen und lernen, sondern jegliche Beziehungen. Zur Welt, zu anderen Menschen, zu Orten, zu Vorlieben, zu Talenten, zu Fähigkeiten. Wir wachsen ein Leben lang an und in der Welt und dazu benötigen wir, dass wir uns in Beziehung setzen und an Beziehungen etwas lernen. Dieses Lernen geht meist nicht ohne Konfrontation. Es entsteht Reibung und Wachstum dadurch. 

Und das hört nie wirklich auf. Wir brauchen immer Beziehungen. Wir brauchen Orte, an denen wir uns zu Hause fühlen, jemanden, der unseren Namen kennt. Der merkt, wenn es uns nicht gut geht. Der sich erinnert, was wir gesagt haben. 


Es bedeutet etwas Tieferes: Wir brauchen den anderen und die Welt, um wir selbst zu werden ? und um es zu bleiben. 

Einsamkeit, echte, tiefe Einsamkeit, ist deshalb nicht nur unangenehm. Sie macht krank. Körperlich nachweisbar.


Die Frage nach dem Menschen ist die Frage nach Beziehungen. Es ist unsere Essenz, unser tiefster Kern, das was wirklich bleibt, wenn im Außen alles zusammenbricht. Es ist unsere Sprache mit der Welt in Kontakt zu treten, ganz, ehrlich, nahbar und total, oder distanziert, gedämpft, durch einen Bildschirm.



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